Brief ans Christkind Christiane

Christiane; Gesundheits- und Krankenpflegerin

Liebes Christkind,
was mir aus dem Corona-Jahr 2020 immer in Erinnerung bleiben wird, ist die gnadenlose  Einsamkeit, und das damit verbundene Gefühl von Leere, dass so viele Patienten empfunden haben müssen. Kein Besuch von Verwandten und Freunden. Keine tröstenden Worte von vertrauten Menschen. Keine Berührungen, kein Hand halten und keine Umarmung von wichtigen Bezugspersonen. 

Von heute auf morgen ist ein Leben, wie man es bisher kannte unwiederbringlich vorbei. Sei es durch einen Autounfall oder einen Fahrradsturz. Jetzt bin ich Patient in einem Krankenhaus, werde wach und kann meine Beine nicht mehr spüren, nicht mehr bewegen. Ich bin Querschnittsgelähmt. Es fühlt sich an, als wäre ich eine Marionette, der man einfach ein paar Fäden durchgeschnitten hat. Ich bin Jim Knopf und man lässt Lukas den Lokomotivführer nicht zu mir, obwohl ich ihn jetzt am dringendsten bräuchte. Mein Leben bricht über mir zusammen. Um mich herum sind  fremde 
Pflegekräfte, Ärzte und Therapeuten. Alle sind sehr um mich bemüht, aber eigentlich bräuchte ich gerade jetzt liebe Freunde oder meinen Mann, meine Frau die mich trösten und mir Kraft geben. Ich habe Angst, bin wütend und allein. 

Mein Name ist Christiane. Ich arbeite seit 22 Jahren als Gesundheits-und Krankenpflegerin im Fachbereich für Rückenmarksverletzte. 

So ungefähr kann ich versuchen die neue Lebenssituation eines Frischverletzten zu Corona-Zeiten auf meiner Station zu beschreiben. Schrecklich! Natürlich haben meine Kollegen und ich, wie all die Jahre zuvor, versucht unser Bestes zu geben. Leider ist aber gerade das Thema „Zeit haben“ ein Problem, welches aber schon vor Corona ein trauriger Bestandteil in unserer Pflege war. Sich Zeit nehmen um zu trösten, eine Hand zu halten, zu reden oder einfach nur um da zu sein, das macht für mich auch Pflege aus. Ganz besonders wichtig in diesem Jahr, wenn kein Besuch kommen darf. 

Meine eigene Hilflosigkeit in diesem Jahr wird mir oft in Erinnerung bleiben. Wir alle mussten uns an viele neue Regeln halten, die man vielleicht nicht immer ganz nachvollziehen konnte. Trotzdem galt es diese Regeln umzusetzen. Eine dieser neuen Regeln  im Krankenhaus bedeutete keinen Besuch, bzw. nur eingeschränkten und auf kurze Zeit festgelegten Besuch zu erlauben und zu kontrollieren. 
Für mich persönlich war das die Regel, mit der ich am meisten gehadert habe. Wichtig während eines Heilungsprozesses ist ganz besonders eine stabile Psyche.  Wir Pflegekräfte können unseren Teil dazu beitragen, dem Patienten zu einer stabilen Psyche zu verhelfen. Leider sind wir aber kein Ersatz für Familienangehörige oder gute Freunde. 

Der Beruf Pflege war im Corona-Jahr 2020 ein viel diskutierter Beruf in der Öffentlichkeit. Probleme, auf die wir schon seit Jahren hinweisen, sind plötzlich zu medienwirksamen Angelegenheiten geworden. Ich bezweifle aber, dass sich so schnell etwas an den grundlegenden Schwierigkeiten, die sich über die Jahre in der Krankenpflege entwickelt haben ändern wird.  

Aus welchem Hut soll man auch tausende neue Pflegekräfte zaubern? Wie will man junge Menschen motivieren eine Tätigkeit auszuüben, die in der Gesellschaft als unattraktiv gilt?   

Wie kann ich jemandem ein Arbeitsfeld schmackhaft machen, in dem 365 Tage im Jahr Früh/Spät/Nacht/Wochenende/ Feiertage Patienten versorgt werden müssen?  

Was muss ich Pflegekräften bieten, damit sie ihren Beruf langfristig ausüben und nicht nach kurzer Zeit das Handtuch werfen?  

Macht es nicht vielleicht doch mal Sinn die Sozialtarife neu zu überdenken? 

Antworten hätte ich viele, aber das führt jetzt hier zu weit. 

Für mich und meine Kollegen wünsche ich mir für 2021, deutlich mehr als nur leere Worte und Beifall. Die Politik ist gefordert, aber auch meine Berufsgruppe muss lernen, sich vehementer für die  eigenen Belange einzusetzen. Ich wünsche mir, dass die Pflege sich stärker mobilisiert. Sei es über eine Pflegekammer, den Berufsverband oder die Gewerkschaften. Gemeinsam ist man weniger allein und hat somit eine stärkere Stimme. Wir müssen laut werden, um Veränderungen schneller voran zu treiben. 

2021 wird weiter eine Herausforderung für uns alle bleiben.  Deshalb - Ich wünsche allen weiterhin viel Kraft, Gesundheit und Ausdauer…. 

Christiane
Gesundheits-und Krankenpflegerin

 

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